Sabine Wenig: Robert Reschkowski


Spiel der Vereinnahmung und Entäußerung
Gibt es eine weibliche Weltaneignung?

Subjektive Anmerkungen zu dem Bilderzyklus "Umbrella Kid" von Sabine Wenig von Robert Reschkowski, Performance Künstler

(…)
Innerhalb der Gesamtpräsentation des Bildzyklus "Umbrella Kid", bestehend aus diversen kleinen und mittleren Bildformaten auf Leinwand und Holztafeln hatte die Künstlerin in der Ecke des Raumes an einer separaten Wand (…) 18 Holztafeln im Format 35 x 35 cm im Rhythmus einer stringent seriellen Reihung so zusammengefasst, dass gleichermaßen eine simultane und sukzessive Rezeption der einzelnen Bildelemente möglich war. Die Aufmerksamkeit erfährt eine Rhythmisierung "genötigt" durch ein dramatisches Hin und Her Pendeln zwischen simultaner und sukzessiver Wahrnehmung der Bildsegmente.

Gerade in dieser Wahrnehmungsdynamik offenbart sich, wie mir scheint "Umschalten und Wechsel" als ein grundlegendes Strukturprinzip - ja eine originäre ästhetische Strategie von Sabine Wenig.

Es handelt sich m. E. um ein Gestaltungsprinzip, das schon im Akt des Aufnehmens im Hin und Her, in der Beschleunigung und Verzögerung der "Wahrnehmungsperformance" selbst eingreift und diese gleich zu steuern vermag durch eine Rhythmisierung der Rezeptionszeit.

Dieser "Switch -Effekt" macht durchaus Sinn und ist in der semantischen Ebene der Kunst von Sabine Wenig schlüssig begründet.

Zeit, Vergegenwärtigung von Zeitlichkeit und Zeitaufzeichnung ist das inhaltliche Scharnier, das uns den Zugang zu Sabine Wenigs Bildzyklus eröffnet. Die Ansichten und Bedeutungsebenen eines Dings werden in einem Spiel des Gleichzeitigen chiffriert und dechiffriert.

Sabine Wenig spricht in ihrem Statement von Zeitschleifen und einer Rotation zwischen Gegenwart und Vergangenheit und deutet an, dass manche Bildzeichen in ihrer stereotypen Wiederholung und Anordnung eine Art Muster im Bild bewirken, hinter deren Fassade sich die Gleichzeitigkeit vieler semantischer und formaler Ebenen verbirgt."

Es ist allein schon spannend der Beschreibung ihrer Arbeitsprozeduren zu folgen:
"Unter dem Titel ‘Umbrella Kid’ habe ich ein von mir eingescanntes 38 Jahre altes Schwarzweißfoto überarbeitet, verfremdet, auseinaderdividiert, vervielfältigt, vergrößert und verkleinert, eingefärbt, ... das ursprünglich mich als Dreijährige mit einem schwarzem Schirm in einer Ostsee-Dünenlandschaft zeigt. Die Ergebnisse meiner gestalterischen Eingriffe werden als Fragmente u. a. auf Pergamentpapier produziert (und vervielfältigt), welches wiederum in mehrfacher Schichtung auf bemalten Holztafeln appliziert wurde. Darauf folgen weitere Übermalungen und Manipulationen. Das Resultat ist eine Verquickung sehr zurückgenommener Farbflächenmalerei mit experimenteller digitaler Bearbeitung alten Fotomaterials."

Das Schirmmotiv löste in mir nacheinander vier Assoziationen aus und prozessierte sukzessive dramatisch meine weitere Bildrezeption:
Der fliegende Robert aus dem Struwwelpeter versetzte mich zurück in die Tage meiner Kindheit, verband sich mit dem Bild einer kleinen Primaballerina, die mit einem Regenschirm auf einem Hochseil tanzend Balance hält und sich plötzlich in eine in ein duftiges Kleid gewandete Dame verwandelt, die beschwingt eine Mohnblumenwiese auf einem berühmten impressionistischem Bild durchgleitet ausgestattet mit einem Sonnenschirm. Dieser helle, grazil über die Schulter nach hinten gehaltene Sonnenschirm, verdüsterte sich plötzlich schwarz und verlinkte mich mit einem Gemälde von Francis Bacon aus dem Jahre 1946, das sich im Museum of Modern Art in New York befindet. (…)

Hier wie dort begegnet uns ein Foto als Arbeitsvorlage und Futter für einen sowohl obsessiv als auch reflektiert gesteuerten künstlerischen Gestaltungsprozess, der zwischen der Lust am reinen Bildermachen und dem kalkuliertem Neuentwurf der menschlichen Figur changiert.

Auch bei Sabine Wenig bleibt das Entscheidende bei dieser Dialektik zwischen "Sensationen der Realität und der Produktion eines Bildes".(…)

Ich gestatte mir die vergleichende Betrachtung, des o. a. vollendeten Bacon-Opus mit den sich selbst ständig erneuernden "Umbrella Kids" von Sabine Wenig, um eine wie mir scheint essentielle Einsicht in zwei unterschiedliche Lebenshaltungen und Zeitkonzepte zu verdeutlichen, die ich als genuin maskuline und spezifisch feminine Weltaneignung bezeichnen möchte und stringent hier wie dort ästhetisch-künstlerisch zum Tragen kommen.

Sabine Wenig inszeniert obsessiv und rigoros ihre Bildmotive wie in einem Vergegenwärtigungsritual allerdings als Hoffnung geschwängerte Feier des Lebendigen und besänftigende Selbstvergewisserung einer in unendlichen Schleifen kreisenden Zeitlichkeit, im Gegensatz zu Bacon, der düster-heroische Katharsisakte eines Modifizierungdramas und "Theaters der Grausamkeiten" inszeniert, manisch getrieben und immer schon  hoffnungslos verloren in einer Endlichkeits- und Verwundbarkeitspanik.

Der Rapport von Sabine Wenigs digitalisierten Bildzeichen, die simultane Durchdringung ihrer Farbpläne und "schmucken" Lineamente vergegenwärtigt eine andere Form von Zeitlichkeit und offenbart uns dabei in filigranen und elegant beschwingten Schüben en Passant eine völlig anders geartete Welterzählung, und Lebenshaltung, die zuversichtlich von  Dauer und ewiger Wiederkehr und von der "Leichtigkeit des Seins" kündet.

Eher verhalten und sanft eröffnet uns das bildnerische Geschehen einen bergenden Spielraum, der das Mysterium der Lebenszyklen einer vertraut erneuernden Wiederkehr feiert und im Wechselspiel simultaner und sukzessiver Wahrnehmung lustvoll in Fahrt kommt.

Naturzyklen, Dialektik weiblicher Rhythmen, Lebenstexte zu einer visuellen Partitur verwoben, Netzwerke der Selbstvergewisserung, Drehmomente und  stereotype Reihungen von Spuren schreiben sich ein und generieren ein poetisches Archiv (…),das sich öffnet für Erinnerungen, Sentenzen, lustvolle Verheißungen und melancholische Kontemplation.

Kalte Reflexe und Schatten einer Welt da draußen durchdringen sich mit Reflexionen und innigen Anmutungen und werden geborgen in einer poetisch durchwebten Textur. Ballerina mit Schirm, Computer-generierte Bildzeichen und Musterbildungen rhythmisieren die Dünung der Lebensgestalten und die Ereignisschleifen der Erinnerung. Streuung der Bedeutungselemente, Auflösung, Durchdringung, Kompression, Schichtung und Transparenz der Bildpläne sind die formalästhetischen Mittel mit denen dieses künstlerische Archiv die Bewegungsschleifen eines scheinbar immer Gleichen organisiert und zur Allegorie der Wiederkehr verdichtet.

Sabine Wenigs bildnerisch-magische Gesten und Befreiungsakte werden m. E. einerseits getragen von der dynamischen Erotik einer archaischen Verführungsstrategie - eines sich Zeigens und gleichermaßen Verbergens - andererseits energetisch aufgeladen durch die ambivalente Bewältigungsstrategie eines Verschlingens und gleichermaßen Bewahrens. Die Feministin Camille Paglia sprach in diesem Zusammenhang einmal von den "Masken der Sexualität".

"Umbrella Kid" führt uns in einem "unschuldigen" Spiel von Vereinnahmung und Veräußerung jenseits von Macht- und Herrschaftsgesten ins Zentrum einer schillernd gemusterten und vitalen Lebensdynamik.

Die Mechanik des aufgespannten Schirms, technoider Schild, modisches Accessoire und kulturelle Errungenschaft schützt uns einerseits vor Unbill der Natur, vor zu viel Sonne oder zu heftigen Regen und erinnert uns gleichermaßen an unsere Verwobenheit in die großen Zyklen der Natur. (..)

Sabine Wenig thematisiert mit "Umbrella Kid" den Prozess der Bildschöpfung selbst. Sie inszeniert ihren künstlerischen Schaffensakt mit vitaler ästhetischer Verführungskraft als ein großes Verwandlungsmysterium, das uns immer wieder in Erstaunen zu setzen vermag.

© Düsseldorf im September 2003, Robert Reschkowski

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Letzte Aktualisierung: Freitag, 18. Juni 2004